Tragödie in Terwan –
Baron von Albingen und Sohn tot
Artikel aus dem Aquillonischen Herold Sonderausgabe Dezember 529 n.d. Chaos
19. Oktober im Jahre 529 nach dem Chaos.
Baron Heribert von und zu Albingen und sein einziger Sohn sterben bei Abbruch des Raven-Staudamms.
Bereits seit Wochen setzten kleinere Verbände der dunklen Truppen Torog Nais über den Arwed und zogen eine Schneise der Verwüstung durch Terwan. Eine größere Streitmacht war zu erwarten.
Die wahrscheinlichste Passage für ein Heer aus der Grafschaft Armag kommend nach Falden zu gelangen, war nicht die Hauptstraße über Weltengrund. Diese führt durch die engste Stelle des Albatals. Hier wäre es ein Leichtes mit wenigen Verteidigern der Armee der Torogs empfindliche Verluste zuzufügen. Man musste vermuten, dass dies auch dem Feind bekannt wäre. Es war davon auszugehen, dass die Dunklen westlich davon die Alba über den Raven-Staudamm überqueren würden. Die ebenen Walwege inmitten der Weizenfelder der Baronie Albingen wären fast ohne Anstrengung zu befahren. Darüber hinaus böten sich auf beiden Seiten der Wege ausgedehnte Lagerflächen.
Der Raven-Staudamm mit seinen 12 Schritt Höhe war im Jahre 138 von Baron Giselher von und zu Albingen am Abfluss des Loch Raven errichtet worden. Damals wurden die großteils sumpfigen Böden trockengelegt. Das aufgestaute Wasser versorgte ein Netz von Kanälen, mit denen die nur sehr fruchtbaren Felder der Baronie gezielt bewässert werden konnten. Außerdem diente der Damm als Brücke über die Alba, die so breit war, dass darauf zwei Fuhrwerke aneinander vorbeifahren konnten.
Trotz der immensen wirtschaftlichen Bedeutung des Ravendamms für die Baronie beschloss Baron Heribert von und zu Albingen, ihn einzureißen. Das würde Torog Nai die Überquerung der Alba verwehren und einen Aufmarsch der Truppen auf den dadurch überfluteten Feldern verhindern. Mit Hilfe von Ingenieuren und Alchimisten entwickelte er einen Plan, den Ravendamm bis an die Sohle zu durchbrechen und unpassierbar zu machen, ohne jedoch einen Wiederaufbau für alle Zeiten zu vereiteln.
Am 19. Oktober war es soweit. Es fanden sich über hundert Schaulustige und Unterstützer ein. Auch die Zahl der Freiwilligen, welche die gefährliche Aufgabe übernehmen wollten, die alchemistischen Granaten zu zünden, war groß.
Doch Baron Heribert bestand darauf, das Werk seines Vorfahren eigenhändig zu zerstören.
Also ritt er auf seinen stolzen Apfelschimmel Zirrus zur Mitte des Staudamms. Von dort aus kletterte er mittels einer Strickleiter auf einen Holzsimms, der angebracht worden war, um die vier Bohrlöcher mit den Granaten darin schnell erreichen und noch schneller verlassen zu können. Die Zeit von der Zündung der Lunten bis zur Explosion war so bemessen worden, dass es möglich sein musste, die Strickleiter zu erklimmen und zu Pferde den Damm zu verlassen.
Nun zündete der Baron wie geplant die Granaten von rechts nach links. Als er damit fertig war und gerade die dritte Strebe der Strickleiter erklommen hatte, tat es einen gewaltigen Knall und es schoss Rauch und Staub aus dem zweiten Bohrloch sowie aus einigen Ritzen in Straßenpflaster. Das Schlachtross bäumte sich erschrocken auf, riss sich los und galoppierte in Panik davon. Dabei lockerte sich eines der Seile der Strickleiter, woraufhin Baron Heribert beinahe abstürzte und ins Schwingen geriet. Behende kletterte er weiter nach oben an dem verbleibenden Seil. Das dauerte natürlich länger als das Erklimmen einer Leiter.
Inzwischen kam sein Sohn Leif Dragan mit einem zweiten Pferd im Schlepptau von dem sicher entfernten Hügel, von wo aus das Gefolge die Sprengung beobachtete, dem Vater zur Hilfe geritten.
Baron Heribert erreichte die Brüstung, hob sich darüber und begann zu laufen, während ihm sein Sohn in wilder Hatz entgegen galoppierte. Die beiden trennten nur noch zehn Schritte, als das Inferno los brach. Fast gleichzeitig detonierten alle vier Granaten. Mit ohrenbetäubendem Lärm verwandelte sich der Damm in eine gigantische Wolke aus Staub und Steinen. Man sah, wie der junge Leif und die zwei Pferde in die Luft geschleudert wurden. Das Wasser des Loch Raven schoss zuerst in Strahlen auf die Ebene zu, um kurz darauf als riesige Flutwelle Brocken des Staudamms sowie den unglücklichen Jungen und die beiden Pferde ins flache Land hinaus zu wälzen. Unzählige der treuen Bauern sprangen in die Fluten und schwammen hinterher, um den Jungen zu retten, aber alle Hilfe kam zu spät. Leif Dragan und die zwei Rösser konnten nur tot geborgen werden.
Sein Vater Baron von Albingen war in Stücke gerissen und unter den Trümmern begraben worden. Nach Tagen der Suche fand man nur seine Gürtelschnalle, die Hutfeder und seine rechte Hand, die immer noch den Trauring trug.
Diese furchtbare Tragödie bedeutet das Ende der Dynastie derer von Albingen. Der verstorbene Heribert war der 18. Baron von und zu Albingen, der verstorbene fünfzehnjährige Leif Dragan der einzig verbliebene Sohn. Heriberts Gemahlin Sigrid von Dornbluth und drei weitere Kinder waren vor drei Jahren der Kronenseuche zum Opfer gefallen. Das Geschlecht von Albingen – ursprünglich aus Falden stammend – hatte die Baronie vor 489 Jahren verliehen bekommen. Das Wappen der Familie, welches von einem Ritter, reitend auf einem goldenen Hirschen auf blauem Grund geziert wird, erinnert an die Legende von Sha´grill, deren Protagonist ein Vorfahr der Albinger war.
Gräfin Elydia von Weltengrund verliert in tiefer Trauer einen treuen und allzeit verlässlichen Vasallen, der zu Kriegs- wie zu Friedenszeiten stets ein tatkräftiger Gefolgsmann und kluger Ratgeber war. Die Bevölkerung der Baronie wird ihrer Herrschaft in Trauer und Dankbarkeit gedenken. Zu den zahllosen großen Errungenschaften für das Volk zählen besonders die Staudämme, des Netz von Kanälen und Walwegen, sowie die Gründung des Ortes Albingen. Nicht zuletzt auch die beschriebene heroische Tat Heriberts, die bis heute den Landstrich vor den Übergriffen der dunklen Truppen bewahrt hat.
Nachtrag: Ergebnisse der Untersuchungskommission
Die verfrühte Explosion, die die Ursache der verhängnisvollen Ereignisse war, welche zum Tod von Baron Heribert von und zu Albingen und Leif Dragan von Albingen führten, lässt sich auf menschliches Versagen durch unsauberes Arbeiten zurückführen. Nach dem Einbringen der Granaten in die Bohrlöcher mussten diese noch einmal geöffnet werden, da die ursprünglichen Lunten zu kurz waren. Dabei wurde wohl eine kleine Menge des Sprengpulvers verschüttet. Dies bewirkte die vorzeitige Detonation. Der verantwortliche Adept bedauert seinen Fehler und hat sich zur Buße freiwillig an die vorderste Front in den Kerarwed als Soldat gemeldet.
